Gegen Schwermut ist ein Kraut gewachsen

Über die Melancholie im September

Mit dem „Blama“ - für nicht Kundige: der Blasheimer Markt - fängt der Herbst an und mit dem schönen Sommerwetter ist's vorbei, lautet eine ostwestfälische Bauernregel. Pustekuchen, diesmal hatten wir richtig Glück, das uns fast Kaiserwetter bescherte.

Dennoch, kurz danach holte uns das typische Herbstwetter mit viel Wolken, Schauern, Nebel und Kälte ein. Der extreme Hitzesommer ist nur noch Erinnerung und mit der Verfärbung des Laubes und dem Fallen der Blätter zieht nicht nur der Herbst ins Land, sondern oft eine eigenartige Schwermut ins Gemüt.

Diese Schwermut, auch als Melancholie bezeichnet und von den Psychiatern den Depressionen zugeordnet, befällt laut Statistik etwa jede dritte Person und hat im Land der Dichter und Denker einen überwiegend pessimistischen Klang, dem Rainer Maria Rilkes Gedicht einen so schönen Ausdruck verleiht: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr, wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.“ Kurze Zeit später wendet sich des Dichters Poesie zum Positiven: „Wird Lesen, Wachen, lange Briefe schreiben und in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben!“

Den kürzer werdenden Tagen und dem häufig grauen, wolkenverhangenen Himmel wird vom Dichter eine innere Regsamkeit und Helligkeit entgegengesetzt. In den Neuengland-Staaten (USA) wird der farbenfrohe „Indian-summer“ mit der einzigartigen Laubfärbung sogar als die romantischste Jahreszeit gepriesen.

Auch bei uns gibt es viele Menschen, die dem Herbst und der mit ihm verbundenen melancholischen Stimmung etwas abgewinnen können.

Vom Modedesigner, der endlich üppige Mäntel, Westen und Anzüge entwerfen kann, über die Bücherläden mit steigendem Absatz bis hin zu den wieder gut gefüllten Kinos geht ein Aufatmen. Die Gartenfreunde müssen nicht mehr wässern und konzentrieren sich ganz und gar auf das Geniessen der sinnlichen Rot- und Brauntöne. Der Herbst ist die perfekte Zeit, um mit den Augen zu ernten. Auch sollte das jetzt geerntete Gemüse und Obst genossen werden, denn es schmeckt nicht nur am besten, es hat auch die meisten Vitamine.

Auf die Vorteile des Herbstes für die Drachenflieger und Jäger möchte ich nur kurz eingehen, sie liegen auf der Hand. Für die Drachenflieger gilt wiederum Rilke: „Herr, der Sommer war sehr groß, leg' Deinen Schatten auf die Sonnenuhren und auf den Fluren laß' die Winde los!“ Die Jäger dürfen, nachdem sich das Wild im Sommer kräftig vermehrt hat, zum Halali blasen. Frei nach C. M. van Weber's Freischütz: „Was gleicht wohl auf Erden dem Jäger Vergnügen, wem sprudelt der Becher des Lebens so reich ...“

Zurück zur Melancholie. Der Begriff kommt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt schwarze Galle. Nach der Gesundheitslehre des Medizinpapstes der Antike, Gallen, entstanden Krankheiten aus der falschen Mischung der vier Körpersäfte, als da sind Blut, Lymphe, gelbe Galle und schwarze Galle. Die noch heute verwendeten Bezeichnungen der Temperamente bzw. Charaktereigenschaften wie Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker und Melancholiker gehen darauf zurück. Ein Zuviel an „schwarzer Galle“ führte demnach unweigerlich zur Schwermut.

Der Melancholiker von heutzutage muß sich seinem Schicksal nicht mehr hilflos ergeben. Gegen Schwermut und Trübsinn ist ein Kraut gewachsen: das Johanniskraut. Aber auch die Lichttherapie hat sich oft als erfolgreich erwiesen. Zwei bis vier Stunden helles Licht von 2.500 Lux auf das Gesicht gestrahlt, vertreibt die trüben Gedanken.

Hilft beides nicht, so gibt es mittlerweile eine Reihe hochwirksamer und nebenwirkungsarmer Psychopharmaka. Im Zweifelsfall fragen sie doch ihren Hausarzt!

Ihr Medicus

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